Cold as Ice – Warum ich mir keinen Eimer Wasser über den Kopf kippe

Ist eure Facebook Wall auch voll von Leuten, die sich einen Eimer Wasser über die Rübe kippen? Vermutlich ja. “ALS Ice Bucket Challenge” (Eiskübelherausforderung) nennt sich das. Die Grundidee, die dahinter steckt, ist an sich ganz nett. Man kippt sich Eiswasser über den Kopf und nominiert drei andere. Die haben nun 24h Zeit, sich entweder auch H2O über die Rübe zu kippen und 10$ an die ALS Association zu spenden oder sie lassen das und spenden “nur” 100$.

Ice Bucket

Namensgeber der Kampagne: ein Gefäß voller H2O im festen sowie flüssigem Aggregatzustand

Die Aktion ist allerdings inzwischen zu einer reinen Selbstdarstellung mutiert. Keine Sau interessiert sich doch noch für den ursprünglichen Gedanken hinter der Aktion. Die ursprünglichen Regeln werden beliebig abgeändert, ich habe schon alles gesehen von “kipp dir Wasser über den Kopf ODER spende Geld” über “kipp dir Wasser über den Kopf sonst schuldest du mir einen Döner” bis hin zu “ich kipp mit Wasser über Kopf, nominiere 10 Leute und erwähne gar nix von Spenden”. Auch sehr putzig sind Formulierungen wie “ihr habt 24h, sonst müsst ihr an ALS spenden”. Du Vollhonk, ALS ist eine verdammte Krankheit, keine Organisation. Während einige Promis (oder Leute, die sich dafür halten) durchaus kreative Ideen dabei hatten (Charlie Sheen, Bill Gates oder Bret Hart), nutzen einige das ganze aber auch einfach nur recht offensichtlich als Vorwand zur Selbstdarstellung (Helene Fischer, Verona Pooth oder Micaela Schäfer). Einige Spielverderber sollen wohl sogar gespendet haben, ohne sich mit einem Eiskübel übergossen zu haben und Psychologen halten es für ein soziales Großexperiment.
Wäre nicht die Verbindung zur Wohltätigkeit, wäre die Betrachtung der Aktion simpel: die einen haben Spaß und machen mit, die anderns finden es nervig. Das war bisher bei so ziemlich allen viralen Phänomenen vom Planking bis zum Selfie der Fall. So jedoch wird Kritikern der Aktion entgegen gehalten, dass zum einen Spenden immer eine gute Sache ist und zum anderen selbst diejenigen, die nicht spenden zumindest für Aufmerksamkeit für die Krankheit sorgen. Ich sehe das anders.

Spenden ist immer gut

Baumbart

plant a tree challenge 2015?

Zugegeben, die Spendeneinnahmen der ALS Association sind immens gestiegen (100 Millionen Dollar, letztes Jahr waren es 2,8 Millionen). Auch die ALS-Ambulanz der Charité in Berlin berichtet von erhöhtem Spendenaufkommen. Aber hat eigentlich einer von denen ganzen Leuten, die so fleißig ihre Videos gepostet haben sich mal die Zeit genommen sich über die ALS Association zu informieren? Laut Stern fließen lediglich 28% eures Geldes in die Forschung. In Anbetracht der Tatsache, dass das Jahresgehalt der Präsidentin der ALS Association laut Steuererklärung bei ca. 300.000$ liegt ist das zumindest diskutabel. Die ebenfalls gemeinnützig arbeitende Organisation Charity Navigator hingegen nennt eine Rate von 72%, bestätigt aber ebenfalls das Vorstandsgehalt.
Auch über die Prozente, die übrig bleiben, sollte man mal sprechen, denn der Verein verwendet wohl überwiegend Tierversuche auf der Suche nach Heilmitteln. Mehrere Quellen, unter anderem der Ärzte gegen Tierversuche e.V. und der britische Animal Aid berichten übereinstimmend darüber, dass diese Tierversuche völlig sinnlos sind. Die bisherigen Erfahrungen zeigen angeblich, dass die Tierversuche zu keinerlei brauchbaren Ergebnissen führten. Bei der ALS-Forschung werden künstlich durch Genmanipulation geschädigte Tiere verwendet, die das komplexe Krankheitsbild beim Menschen nicht abbilden können. Demnach würden eure Spendengelder also dann benutzt, um überwiegend einen Verwaltungsapparat zu finanzieren und sinnlose Tierversuche zu machen?

Auch ohne Spende, schaffe ich zumindest Aufmerksamkeit für die Erkrankung

Ich denke es ist zumindest unbestritten, dass jeder inzwischen mal etwas von der “ALS Ice bucket Challenge” gehört hat. Vermutlich werden sich auch einige die Mühe gemacht haben und haben sich wirklich über die Krankheit informiert. Allerdings befürchte ich, dass das nur ein winzig kleiner Bruchteil der Wasser-über-die-Omme-Kipper getan haben. Ich erwähnte bereits, dass es oft heißt “spende für den ALS” und dergleichen. Das klingt nicht danach, als ob der oder die Betreffende einen blassen Schimmer von der Krankheit haben. Ich hatte noch nie von der Krankheit gehört, bis meine Frau eine Patientin mit ALS hatte und ich quasi wöchentliche Updates bekam, was die Krankheit macht. Wer sich damit beschäftigt, verspürt relativ schnell keinen Bock mehr auf eine Eiswasserdusche. Der ein oder andere Liebhaber von Gitarrenmusik mag zudem Jason Becker kennen. Ein Gitarrenvirtuose, der bei David Lee Roth’ Band einstieg (und dort niemand geringeren als Steve Vai ersetze). Um zu verdeutlichen, was ALS tut, reicht es ein Video vor der Krankheit und ein Video seiner Ice Bucket Challenge anzuschauen. Der berühmteste Kranke ist vermutlich Steven Hawking. Vermutlich einer der klügsten Köpfe unserer Zeit und der einzige, der Einstein, Newton und Data im Pokern geschlagen hat.
Ich habe bisher in keinem der Ice Bucket Challenge Videos einen Hinweis auf einen dieser Leute gesehen und ich habe auch nichts über die Krankheit gelesen oder gehört. Ich habe nichtmal einen verdammten Link zu irgendwas was mit der Krankheit zu tun hat unter einem der Videos gesehen.
Macht euch nichts vor: die Aktion schafft keine Aufmerksamkeit für ALS, sondern ist lediglich eine lustige virale Sache zur Selbstdarstellung.

Wasser ist kostbar

let me get this straightEs ist nichtmal ganz klar, warum man überhaupt Eiswasser über sich schüttet. Wikipedia geht davon aus, dass die Ursprünge der Ice Bucket Challenge auf die Cold Water Challenge zurück zu führen sind und das Wasser keinen besonderen Sinn hat, es symbolisiert nur etwas, das man sich trauen soll. Slate geht davon aus, dass die Sache mit dem Wasser von einer Wette unter Sportlern herrührt. Einzig Bild meint das kalte Wasser soll den Lähmungszustand simulieren.
In unserer westlichen Welt mag es durchaus komisch klingen, wenn man sagt “Wasser ist kostbar”. Allerdings sieht die Welt nicht überall so aus wie in Paris, Palermo und Pelkum. Im Gaza Streifen ist Wasser so kostbar, dass sich die Leute Schutt über den Kopf kippen. In Äthiopien verwenden zwei Drittel der Bevölkerung verunreinigtes Wasser. Mehr als ein Drittel der Menschen weltweit leidet an Wassermangel. Wasser wird zunehmend von einem Grundrecht zu einer Ware. Deshalb steht auch Deutschland perspektivisch vor dem Problem der Wasserknappheit. Dehydrierung ist weltweit die Haupttodesursache von Kindern.
In Anbetracht dieser Fakten, kommt es euch nicht auch reichlich doof vor, euch einen Eimer Wasser über den Kopf zu kippen? Klar, der Eimer hätte kein Kind in Afrika gerettet, aber dennoch ist die Geste vor dem Hintergrund eher bescheuert oder?

Spaßbremse

Wer mich kennt weiß, dass ich in meinem Leben sicherlich eine Reihe von Dingen getan habe, die deutlich bekloppter waren als sich einen Eimer Wasser über den Kopf zu schütten. Hoffentlich werde ich auch noch eine ganze Menge Dinge in Zukunft tun, die verrückter sind. Aber bei etwas mitzumachen, weil alle es tun und mir einzureden, es wäre für einen guten Zweck, ohne das ganze mal zu hinterfragen, ist kein Spaß. Ich hab nichts gegen Selbstdarstellung (ihr lest gerade meinen Blog, soviel dazu), aber dann steht auch dazu, dass die Ice Bucket Challenge nichts weiter als das ist.
Es gab durchaus einige sehr kreative Umsetzungen der Challenge (Homer, Kermit oder Frederic Freiherr von Furchensumpf). Auch der Versuch von Samsung das ganze als Produktwerbung zu nutzen ist amüsant. Es ist auch unbestritten anschaubar, wenn ganze Horden von attraktiven Männlein und Weiblein freiwillig einen Wet T-Shirt Contest machen.
Doch inzwischen nervt das ganze einfach nur noch. Für mich ist bei dieser ganzen Aktion das coolste Video (Wortspiel nicht beabsichtigt) deshalb eins, bei dem der Protagonist einen Teil meiner Kritik völlig ohne Worte ausdrückt.

Spendenalternativen

Fernab davon, dass ich das, wozu die Ice Bucket Challenge mutiert ist bescheuert finde, ist es dennoch eine sinnvolle Sache für gute Zwecke zu spenden. Das könnt ihr sogar vollkommen ohne Eiskübel. Es gibt nämlich eine Menge gemeinnützige Organsiationen, die jeden Euro gebrauchen können. Ich werf einfach mal einige Namen in den Raum:

Deutsche Fanconi-Anämie-Hilfe e.V. – eine Krankheit, die noch unbekannter als ALS ist, aber schon allein zwei Menschen auf dem Gewissen hat, die ich kannte
DGzRS – ohne einen ehemaligen Mitschüler wüsste ich nichtmal, dass es die gibt
Plant for the Planet – Bäume pflanzen, simpel aber sinnvoll
Neven Subotic Stiftung – auch wenn man nicht BVB-Fan ist, ist die Stiftung einen Blick wert
Sea Shepherd – die etwas anderen Tierschützer
Mozilla - in Zeiten von Snowden kann man ruhig für ein freies Internet spenden

Oder übernehmt eine Patenschaft für Tiere in einem Zoo in eurer Nähe (für Leute in meiner Nähe wäre dies z.B. Dortmund, Münster oder Hamm). Oder schaut euch um, was ihr für lokale Aktionen unterstützen könnt. In meiner Heimat gibt es z.B. einen Skatepark für Jugendliche, der rein spendenfinanziert ist (der sucht übrigens noch Strompaten).

Es geht mir nicht darum irgendeine Organisation als “besser” oder “schlechter” darzustellen, ich möchte lediglich darauf hinweisen, dass es viele Möglichkeiten gibt zu helfen. Die ALS Association ist nur eine von vielen.

TL;DR

Kippt euch meinetwegen Wasser übern Kopp, aber denkt nicht, das sei für einen guten Zweck. Spenden könnt ihr auch so, aber schaut euch vorher an für wen oder was.

I just came here because of the title and expected music, dude

Foreigner – Cold as Ice
1977, Musikvideo

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