Working Man – Private und dienstliche Nutzung von IT verschwimmt zusehends

Nachdem wir nun alle wissen, dass die NSA alles liest, aber die Leute es schlimmer finden, wenn facebook WhatsApp kauft, mal ein Artikel über ein völlig anderes Thema. Die meisten von euch kennen Dienstanweisungen oder Arbeitsverträge in denen lapidar erklärt wird „private Nutzung des Internetanschlusses ist nicht gestattet“. Klingt simpel, aber ist das erstens noch zeitgemäß und zweitens überhaupt genau definierbar? Ich sage nein und erläutere warum ich das denke.

Internet nicht gestattet

häufig ist die „private Nutzung“ des Internets nicht gestattet, aber gibt es die noch?

Der Istzustand

Faustkeil

der Faustkeil gehört neben dem Telefaxgerät immer noch zur Grundausstattung vieler Büros

Je nachdem wie hip und neu sich ein Arbeitgeber fühlt, reicht der momentane Istzustand von „Fräulein Müller, drucken Sie mir die E-Mails aus“ bis hin zu „sie sind nicht auf facebook? roflcopter“. Die Mehrheit der Arbeitgeber in Deutschland fällt jedoch eher in die erste Kategorie. Während das 1970 noch undenkbare inzwischen fast gesellschaftlich akzeptiert ist: man darf gelegentlich ein privates Telefonat über das Diensttelefon führen! – ist die Internetnutzung meistens rigoros eingeschränkt. Die private Nutzung ist häufig sogar konkret mit Sätzen wie „die private Nutzung des Internetanschlusses ist untersagt“ völlig verboten und eine Zuwiderhandlung kann natürlich den Arbeitsplatz kosten. Die Tatsache, dass solche Regelungen jedoch häufig von Personen geschrieben werden, die maximal gefährliches Halbwissen von der Materie haben, zeigt sich bereits im Versuch zu ergründen, ob sich solche Sätze ausschließlich auf den Firmen-PC beziehen, oder ob damit auch die Nutzung des eigenen Smartphones, Tablets, Smartwatch oder Datenbrille gemeint ist. Inzwischen verfügen mehr Geräte über Internetfunktionen, als die Kanzlerin täglich Faxe schickt.
Wenn wir hier mal von „in dubio oreo“ oder so ausgehen, also „im Zweifel für den Ankläger“, dann bedeutet so eine Dienstanweisung also, man darf überhaupt kein Internet nutzen. Das würde dann also bedeuten, Smartwatches kann man direkt zu Hause lassen und Smartphones und Tablets müsste man im „Flugzeugmodus“ betrieben. Man könnte also anders formuliert, alle diese Geräte eigentlich auch ausgeschaltet lassen.
Wenn wir statt dessen annehmen, die Anweisung bezieht sich nur auf den dienstlichen PC, stellt sich sogar noch deutlicher die Frage der Sinnhaftigkeit. Statt eine private Aktion vom Arbeitsplatz aus zu erledigen, benutze ich mein privates Smartphone, was in der Regel langsamer und unkomfortabler zu bedienen ist, als mein PC (sollte das nicht der Fall sein, solltet ihr ernsthaft mal mit eurer IT sprechen). Statt also möglicherweise 5 min zu brauchen, brauche ich für den gleichen Vorgang nun 10 min. Unter dem Strich also kontraproduktiv und kurzsichtig gedacht vom Arbeitgeber.

Die Sache mit der Kommunikation

SMS bekommenDas zuvor genannte, recht allgemein formulierte Beispiel lässt sich recht schnell mit Leben füllen. Früher telefonierte man, das es keine schnellere und einfachere Art der Telekommunikation gab. Später gab es dann diese „SMS“, die Killerapplikation der Mobilfunkbranche. Eine SMS „komme später, stell schon mal Bier kalt, Schatz“ zu schreiben geht deutlich schneller, als einen Anruf zu tätigen. Das scheint inzwischen auch bei den Arbeitgebern angekommen zu sein, denn kurze Telefonate und SMS werden erfahrungsgemäß toleriert oder sind sogar explizit gestattet.
Im Jahre 2014 sind allerdings SMS schon wieder ausgestorben. Whatsapp, Threema, Facebook Messenger, Joyn, Hangouts und ähnliche Messenger haben diese Nische besetzt. Man sendet weiterhin Kurznachrichten, allerdings direkt über das Datennetz. Das kostet nix und bietet mehr Möglichkeiten, als die klassische 1990er-SMS. Das Tippen der zuvor erwähnten Nachricht geht genauso schnell als WhatsApp-Nachricht als als SMS. Verbietet jedoch der Arbeitgeber die Nutzung des Internets, ist man dieser Variante vollständig beraubt.
Messenger bieten im Gegensatz zur SMS meistens zudem die Möglichkeit von Gruppenchats. So kann man beispielsweise recht schnell eine ganze Abteilung oder Arbeitsgruppe über ein wichtiges Ereignis informieren. Macht das mal mit Telefonieren nach…
Neben diesen konkreten Beispielen gibt es auch Beispiele, bei denen die Grenzen zwischen rein privater und dienstlicher Nutzung der Kommunikationskanäle verschwimmen. Ein Arbeitnehmer, der Bescheid sagt, dass er länger arbeiten muss beispielsweise? Oder die bekannte Vermischung bei Gesprächen zwischen „lange nicht gehört, wie geht es Frau und Kindern?“ und „wie ist eigentlich der aktuelle Stand bei Projekt xyz?“. Wo zieht man hier die Grenze?

Google Calendar, RTM, feedly, Evernote, etc…

Es gibt inzwischen jede Menge Leute, die ihre privaten Termine in der Cloud verwalten. Der Google Calendar, die iCloud und ähnliche Anbieter erfreuen sich aufgrund ihrer Einfachheit und Praktikabilität großer Beliebtheit. Wenn ich nun einen Termin eintrage wie „nächsten Mittwoch Einladung des Kunden zur Bunga Bunga Party“, ist das dann privat? Oder der Blick in den Kalender nach der Frage „Können Sie dieses Wochenende für ihren Kollegen den Dienst übernehmen, er hat sich bei der Bunga Bunga Party letzte Woche Syphilis geholt“? Ähnlich verhält es sich mit ToDo-Listen. Hatte man in der Steinzeit dafür noch kleine gelbe Zettel am Monitor kleben, gibt es heute jede Menge Tools wie Remember the Milk, Wunderlist und Co, mit dem man die Dinge, die man sonst immer vergisst, strukturieren kann. Wenn ich mir nun Einträge erstelle wie „morgen dran denken Jeans zu tragen, es ist casual Friday“ oder „morgen ohne Hose zur Arbeit, es ist very casual Friday“, ist das dann privat? Macht es Sinn, wenn man heute noch solche extrem praktischen Helferlein erst auf dem dienstlichen PC starten muss? Ist es nicht wesentlich praktischer, wenn man eine zentrale ToDo-Liste für private und dienstliche Dinge pflegt? Wer hat einen Nachteil davon, wenn „Blumen kaufen, morgen ist Hochzeitstag“ direkt neben „Angebot dringend rauschicken, sonst Job weg“ steht? Wie verhält es sich mit digitalen Notizbüchern wie Evernote oder OneNote? Benötigt man hier auch wieder ein dienstliches und ein privates Notizbuch? Oder wäre es nicht praktischer wichtige Notizen überall zur Verfügung zu haben?

RSS Zeitung

früher las man eine Zeitung, heute stellt man sie sich selber zusammen

In der heutigen Zeit ist es darüber hinaus für viele Berufsgruppen essentiell über ihr Fachgebiet immer auf dem Laufenden zu sein. Das praktischste Mittel der Wahl dafür ist, dass man alle für sich relevanten Newsquellen anzapft und in eine zentrale Ansicht laufen lässt. Auch wenn Social Media inzwischen auf diesem Gebiet ebenfalls wichtig ist, so führt hier nichts über einen ordentlichen RSS-Reader wie feedly,The Old Reader oder Flipboard. Allerdings hat man im Normalfall nicht nur dienstliche Interessen, sondern (hoffentlich) auch Hobbies. Wenn man nun in seinem RSS-Reader sowohl die neuesten News zum Dax, aber auch die letzten Transfergerüchte der Bundesliga abonniert hat, ist das jetzt dienstlich? Ist das jetzt privat? Muss ich mir zwei Accounts anlegen, einen „für zu Hause“ und einen für „auf der Arbeit?“. Und ist das nicht doof, weil ich dann z.B. zu Hause eben nicht mehr die dienstlich relevanten News mitbekommen? Kann man hier überhaupt noch trennen? Was ist mit einem Social Media Manager, der Blogs wie netzpolitik.org liest? Was ist mit Admins, die heise lesen? Grafiker, die deviantART abonnieren? Jugendreferendare, die allfacebook lesen? Sportredakteure, die den kicker lesen?
Und nun stellen wir uns mal vor, wir dürften das alles nicht nutzen, weil die Grenze zwischen privater und dienstlicher Internetnutzung in diesen Fällen nicht eindeutig erkennbar ist.

Social Media

Wie schon angedeutet, kann Social Media nicht nur genutzt werden, um Fotos von gestern Nacht zu posten, sondern auch um die Stimmungslage von Personengruppen zu analysieren, oder über neue Entwicklungen und Ereignisse auf bestimmten Gebieten auf dem Laufenden zu bleiben. Viele der zuvoir genannten Beispiele lassen sich eins zu eins auch für facebook, twitter und Co übertragen. Inzwischen sind diese Kanäle wirklich unglaublich schnell, so konnte ich vor kurzem bereits Sekunden, nachdem der Strom hier weg war, auf facebook lesen, was passiert ist.
Aber auch für Rekrutierungszwecke zum Beispiel können Xing und LinkedIn benutzt werden. Umso mehr wirkliche „Gesichter“ unter einem Firmennamen stehen, umso besser wird das Bild eines Unternehmens im Netz. Ist das dienstlich? Ist das privat?
Wie sieht es aus, wenn mein Arbeitgeber tatsächlich sogar eine eigene Präsenz auf facebook hat? Sind sämtliche Interaktionen dort privat? Was ist, wenn im Netz negativ über Projekte meines Arbeitgebers gesprochen wird und ich für ihn Stellung beziehe? Privat? Es gibt zumindest was Werbung für seinen Arbeitgeber in sozialen Netzwerken angeht bereits erste Urteile, die das (zu Recht) anders sehen. Meiner Meinung nach kann man aber nicht auf der einen Seite erwarten, dass seine Mitarbeiter auch im Internet sein Unternehmen positiv repräsentieren, wenn ich ihnen auf der anderen Seite die Nutzung des Netzes zu solchen Zwecken vollständig verbiete. Das ist in meinen Augen nicht zu Ende gedacht.

BYOD

Bring your own deskDie letzte Grenze, die man bisher zumindest ziehen konnte, war die auf Hardware Ebene. So konnte ich bisher immer unterscheiden zwischen dem PC/Telefon/Fax/Drucker/Protonenbeschleuniger auf der Arbeit und zu Hause. Der aktuelle Trend jedoch heißt „bring you own device“ und was ein Albtraum für Admins (und Datenschützer) ist, lässt sich vermutlich nicht mehr aufhalten und ist eine logische Konsequenz daraus, dass man privat bessere Hardware besitzt, als der Arbeitgeber einem zur Verfügung stellt. BYOD bedeutet nix anderes als die Nutzung vom eigenen PC, Smartphone und Co für explizit dienstliche Zwecke. Das schließt also sowohl das private iPhone ein, auf dem man dienstliche Mails beantwortet als auch den Heim-PC, über den man sich ins Firmennetzwerk einwählt. Zwar sind wir vom Arbeitsplatz der Zukunft noch meilenweit entfernt (auch wenn Meinungsforscher das anders sehen mögen), aber die Anfänge sind bereits gemacht. Die Problemstellungen, die sich dadurch ergeben sind jedoch nicht zu unterschätzen. Wenn ich ein iPhone so dicht mache, dass es sicher ist (kein Browser, kein facebook, kein flash, kein alleswasspassmacht), dann will ich es eigentlich auch privat gar nicht mehr haben. Wenn ich es aber dem Besitzer überlasse, was er damit tut, wie soll ich dann noch für die Sicherheit des Netzwerkes garantieren? Eine Trennung wie bestimmte Produkte zum Mobile Device Management sie versuchen, ist in der Praxis schwierig bis unmöglich.
In Anbetracht von BYOD ist die Einschränkung der Internetnutzung natürlich recht skurril. Kann man jemanden verbieten auf seinem eigenen Handy zu surfen? Und wenn ja, ist das zielführend?

Und die andere Seite?

Zum Schluss möchte ich noch kurz einen Hinweis zu der Thematik aus der Sicht der Arbeitgeberseite geben. Werden vom Arbeitgeber bereit gestellte Internetzugänge genutzt, so hat dieser die Pflicht die Nutzung zu kontrollieren und die Einhaltung gesetzlicher Vorgaben einzuhalten. Dazu gehören nicht nur Dinge wie „hat einer illegale Downloads gemacht“, sondern auch die Einhaltung des Datenschutzes, Bankgeheimnisses, Schweigepflichten und so weiter. Grundsätzlich kann auch die Überwachung von Mitarbeitern in sozialen Netzwerken unter bestimmten Bedingungen rechtmäßig sein. Da es aber auf dem Papier in Deutschland das Telemediengsetz gibt und private Kommunikation unter das Fernmeldegeheimnis fällt (kann das mal jemand Merkel, Friedrich, Pofalla und Co nochmal verdeutlichen???), ist es für den Arbeitgeber oft ein schmaler Grat zwischen erlaubter Überwachung von Kommunikation, die der Kontrolle dient, ob die gesetzlichen Regelungen eingehalten wurden und unerlaubter Mitarbeiterkontrolle.
Meiner Meinung nach ist hier eindutig der Gesetzgeber in der Pflicht. Es müssen konkrete und deutliche Regelungen erlassen werden, die sich mit der real vorhandenen Infrastruktur des Internets und den damit verbunden Möglichkeiten beschäftigen und nicht versuchen archaische Strukturen als Präzedenzfälle für aktuelle Geschehnisse heran zu ziehen. Sowohl Arbeitgeber als auch Arbeitnehmer sollten anhand der Regelungen explizit erkennen können, was OK ist und was nicht.

TL;DR

Die Grenzen zwischen privater und dienstlicher Nutzung von IT existieren nicht mehr überall und verschwimmen immer mehr. Viele Regelungen sind weder zeitgemäß noch zielführend. Der Gesetzgeber sollte Gesetze und Regelungen schaffen, die die tatsächlich vorhandenen technologischen Möglichkeiten berücksichtigen und sowohl Arbeitgebern als auch Arbeitnehmern Rechtssicherheit geben.

I just came here because of the title and expected music, dude

Rush – Working Man
1974, Livevideo

Ein Gedanke zu “Working Man – Private und dienstliche Nutzung von IT verschwimmt zusehends

  1. Bei mir war es noch interessanter. Meine ex-Chef hat nichts verboten, alle Mitarbeiter hatten ständig Facebook und Kram im Browser auf den Arbeitsrechnern offen. Wenn der Typ aber einen Mitarbeiter loswerden wollte, hat er gedroht, dass er alleine für private Internetnutzung fristlos kündigen darf (also, sei froh, dass er einfach so kündigt).