Living on my Own – Warum ein nationales Internet keine Lösung ist

Überraschung, es gibt -anders als von Friedrich, Pofalla und Co wochenlang gepredigt- doch eine Spähaffäre. Das Fußvolk war den Entscheidern zwar egal, aber dass jetzt eventuell das Mobiltelefon der Kanzlerin abgehört wurde, das geht zu weit. Doch keine Sorge: die gleichen Experten, die schon die Erfolgsprojekte ePerso, elektronische Gesundheitskarte und De-Mail erfolgreich erfunden haben, haben direkt die Lösung: ein nationales Internet soll her. Ich möchte kurz erklären, warum ich diese Idee aus technischer Sicht für einen Haufen Bärenkot halte.

Schlandnet

Vorschlag der Politiker und der Telekom: ein nationales Internet

Nicht mit mir, nicht mit der Commanderin

Wir fassen nochmal kurz die Ereignisse zusammen (ausführlich können andere besser): es wird bekannt, dass sowohl die USA, als auch Großbritannien und vermutlich auch unser eigener Geheimdienst massenhaft Internetdaten hortet, filtert, scannt und weiter reicht. Zuerst hieß es, das wäre nicht so, dann hieß es ‘klar, das ist so, aber das tun wir alles wegen dem Terror’. Die rhetorische Frage, welche konkrete Terrorgefahr vom Papst ausgeht (immer diese religiösen Fundamentalisten) sei mal dahin gestellt, aber Fakt ist: erst als bekannt wird, dass unser politisches Oberhaupt ebenfalls belauscht wird, regt sich Empörung und erster Widerstand.
In diesem Zusammenhang möchte ich auch mal die Frage stellen, wie fähig unser Geheimdienst denn ist, wenn wir nicht einmal das Handy von Angie clean kriegen? Zeugt das von technologischer Unfähigkeit, sind andere Staaten uns soweit überlegen, oder waren wir einfach nur zu doof?

von den Machern des ePersos: das Schlandnet

Verfolgte man die Presse in letzter Zeit konnte man den Eindruck gewinnen, dass jetzt, wo wir doch ausgespäht werden, jeder zweite aus der politischen Führungsriege eine gute Idee hatte, was man dagegen tun kann. Vom “Schlandnet” oder vom “Schengenrouting” war hier die Rede. Hinter diesen Buzzwords verstanden die Protagonisten ein nationales Internet. Der Datenverkehr soll ausschließlich innerhalb der politischen Grenzen unseres Landes verbleiben und deshalb soll es viel sicherer sein. Diese Idee klingt vermutlich für Leute ohne technisches Wissen (und so langsam gewinne ich das Gefühl, das sind doch weitaus mehr, als ich dachte) logisch. Wenn man schließlich nicht will, dass ein Auto angehalten und untersucht wird, so fährt es halt nur noch in Deutschland. Hier kann halt keiner das Auto anhalten. Das Internet ist allerdings keine Autobahn und Datenpakete sind keine Autos. Ich bemerke nicht das erste Mal, das derartige Metaphern nicht dazu führen, dass Technikfremde die Materie verstehen, sondern nur, dass sie eben diese nicht verstehen. Also nochmal fix zum mitschreiben: das Internet ist weder eine Autobahn, noch ein Kabelwust und auch keine Wolke oder ein Öltanker.

Drosselkom verfolgt lediglich Geschäftsinteressen

Vögeln statt DrosselnDer Vorschlag eines nationalen Netzes, der recht schnell von einigen Politikern kam, wurde von der Telekom sofort aufgenommen. Das ist aber schon nahezu diabolisch, wenn man ein wenig die Hintergründe kennt. Ich versuche es mal möglichst simpel zu erklären. Wie bereits erwähnt ist das Internet ein Verbund von vielen Netzen, die untereinander zusammen gestöpselt sind. Normalerweise übergeben Provider untereinander ihren Datenverkehr über “Peering-Punkte”, also Knoten, von dem alle angeschlossenen profitieren. Die Drosselkom findet das aber nicht profitabel genug. Sie setzt darauf, dass viele Provider gezwungen sind, Verbindungen zur Telekom direkt zu unterhalten. Und dafür möchte sie dann selbstverständlich fürstlich entlohnt werden. Wer bisher nicht an die Telekom zahlt, weil er sagt “son Humbug, gehe ich halt über die Peering-Knoten”, die schicken natürlich dann ihre Datenpakete von Dortmund nach Bochum über Funafuti. Das bedeutet also: die Telekom ist eigentlich der Hauptgrund, warum ein nationales Routing nicht sowieso schon die Regel ist. Sie möchte anscheinend den Spähskandal und die technische Unwissenheit unserer Politiker ausnutzen, um klammheimlich auch noch die letzten drei nationalen Provider zu zwingen Gebühren an sie zu entrichten und würde mit einem Mal das komplette deutsche Netz unter ihrer Kontrolle haben. Praktisch, oder? Solltet ihr einfach mal im Hinterkopf haben, wenn ihr wieder eine Telekomwerbung für “das Netz der Zukunft” (<- Video anschauen, wenn ihr nicht so genau wisst, was ich meine) seht.

das “Inter” in Internet und warum es so wichtig ist

“inter” (der lateinische Präfix, nicht der Fußballclub aus Mailand) bedeutet soviel wie “zwischen” oder “dazwischen”. Internet bedeutet demnach so etwas wie “Zwischennetz” und beschreibt die zwei fundamentalen Prinzipien desselbigen: es ist zum einen dezentral und zum anderen verbindet es mehrer Netze.
Internet abschaltenDas erste ist auch nicht so technikaffinen schnell erklärt: es gibt kein “Internethauptrechner”, den man ausschalten kann. Man muss auch an keiner zentralen Stelle anmelden “ich möchte gerne einen weiteren Computer dem Internet hinzufügen”. Warum das Internet oder besser sein Vorgänger das Arpanet so strukturiert ist, versteht man leicht anhand der Zeit aus der es stammt. Da herrschte kalter Krieg und das Damoklesschwert eines Nuklearen Holocausts hing über den Köpfen. Um nun zu verhindern, dass ein gezielter Militärschlag das Netzwerk lahm legen kann, wurde es dezentral aufgebaut. So können einzelne Rechner oder ganze Verkehrsknoten ausfallen, das Netz an sich bleibt funktionstüchtig.
Auch das zweite Prinzip ist schnell erläutert. Es gibt weltweit jede Menge Computernetzwerke. Angefangen von eurem Netzwerk zu Hause über das auf eurer Arbeit bis hin zu den großen Nationalen oder Kontinentalen Netzwerken. Das Internet verbindet genau diese alle miteinander.

Sieht man sich die Idee eines “nationalen Internets” an, so erkennt man schon recht schnell, wo das Problem liegt. Ein nationales Netz wäre nicht “inter”. Weder der Aspekt des Verbindens noch der dezentrale Charakter wären gegeben. Es wäre kein Internet, es wäre nur: ein Netz. Und zwar ein nationales, beschränktes und (!) leichter kontrollierbares. Wenn man sich nämlich mal anschaut, in welchen Ländern es solche Konstrukte wie ein nationales Netz gibt, dann sind das allesamt Länder, die nicht gerade durch ihre demokratischen Grundsätze oder liebenswürdigen Staatsoberhäupter hervor stechen.

BTX Hardware

BTX – Zuuuukuuuunft

Der Erfolg des Internets liegt nämlich unter anderem genau in diesen beiden zentralen Charakteristika. Plötzlich kann man weltweit kommunizieren, man kann Neuigkeiten und Meinungen von Personen auf der anderen Seite des Erdballs lesen. Man ist bei Recherchen nicht mehr auf die Bücherei um die Ecke angewiesen, sondern hat Zugriff auf fast das gesamte Spektrum an von Menschenhand erschaffenen Werken. Der Tante Emma Laden um die Ecke kann plötzlich seine hausgemacht Erdbeermarmelade weltweit anbieten. Ich kann per Bewegtbild mit Verwandten in Übersee über die Bundesliga diskutieren. Zu Spitzenzeiten trafen sich elf Millionen Menschen aus verschiedenen Ländern um in einer virtuellen Welt Wölfe zu töten und Kerzen zu sammeln. Wenn jemand in Kleinkautschiwauwau eine gute Idee hatte, dann dauert es nur noch Minuten bis die Welt sie kennt, Stunden bis die ersten sie als alten Hut bezeichnen und Tage bis es Standard geworden ist. Vieles, was vor ein paar Jahren noch Unsummen gekostet hätte, gibt es nun kostenfrei, auch das liegt in der Natur eines freien Netzes. Irre, oder?
Und jetzt erinnern wir uns mal zurück an das letzte “Schlandnetz”, nämlich BTX. Wer nicht so genau weiß, was das ist, der lese einfach nach oder schaue sich historisches Zeug an. Funfact am Rande: damals wurde bereits moniert, die Gesetze müssen für BTX aktualisiert werden. Darauf warten wir größtenteils heute noch.
Fundamentaler Unterschied meiner Meinung nach zwischen BTX und Internet: BTX wurde von der Post als kostenpflichtige elektronische Dienstleistung konzipiert, das Internet wurde von Berners-Lee als Medium zum freien Wissensaustausch erfunden. Ein Schlandnet wäre ein Schritt zurück in die Vergangenheit!

Internet – wer hat’s erfunden?

Eine Schwierigkeit bei der Umsetzung eines nationalen Netzes dürfte es darüber hinaus immer dann geben, wenn die Landesgrenzen absichtlich verlassen werden. Was nützt uns ein Schengenrouting, wenn wir eine E-Mail in ein anderes Land schreiben? Selbst wenn man das auf ein Minimum reduzieren würde, was ist denn, wenn wir ausländische Anbieter nutzen? Socken kaufen bei Amazon? Essensbilder posten auf Instagram? Einchecken auf foursquare? Tweets von Justin Bieber lesen? Einen Blog auf WordPress hosten? Urlaubsfotos auf facebook teilen? Videos bei YouTube schauen? Mails bei Google lesen? Daten in die Dropbox legen? Betriebssystemupdate von Apple laden? …. Man erkennt hier schon recht deutlich ein weiteres Problem: fast alle Dienste und Plattformen, die wir nutzen, werden weder in Deutschland gehostet noch von Deutschen Firmen betrieben. Selbst beim Aufruf von bundestag.de werde Seitenbestandteile von webtrends (einem Anbieter aus Portland, Oregon) geladen. Wie drückte der Chef von F-Secure es aus? “Das Internet ist eine US-Kolonie“. Welchen Sinn hätte also ein nationales Netz, wenn man in diesem nur Seiten findet wie Ingrids Homepage? Solange es keine deutschen ernsthaften Alternativen zu den meist genutzten Internetdiensten gibt, ist ein nationales Netz unbrauchbar.

Frauenhofer Audioteam 1987

dank dieser Jungs gibt es MP3

Trotz Fraunhofer Institut und wirklich klugen Köpfen und fähigen Entwicklern in Deutschland sehe ich da aber nichts. Ich glaube, ähnlich wie auch andere, dass das Problem bei uns selbstgemacht ist. Hat jemand eine Idee, dann ist die erste Frage, die alle stellen: “was bringt uns das, um wieviel steigert das unseren Gewinn”. Was haben denn die jetzigen Platzhirsche facebook, Google, twitter und Co zu Anfang an Gewinnen eingefahren? Auch die von Beginn an auf Umsatz ausgerichteten Konzerne wie Amazon und Apple haben jede Menge Entwicklung betrieben, die konkret nichts eingebracht hat, außer: Erkenntnisse. Hat man in Deutschland eine Idee, geht man zur Bank, um Kredite dafür zu erhalten. Hat schon mal jemand versucht, an dieser Stelle das Business Modell eines Internetstartups zu erklären? Stelle ich mir gelinde gesagt schwierig vor. Während aber in den USA Startups oft von den großen Firmen unterstützt werden, so ist in Deutschland eigentlich nur SAP in dieser Hinsicht mal positiv aufgefallen. Ansonsten herrscht hier das “klassische Unternehmertum”. In so einem Umfeld sehe ich gerade nicht, wie wir denn eine ernsthafte deutsche Alternative zu Google entwickeln wollen. Möglicherweise haben wir wirklich bei der Digitalisierung der Gesellschaft versagt.

Gibt es sinnvollere Ideen gegen den totalen Lauschangriff?

Ein Ansatz in die richtige Richtung, wenn man tatsächlich versuchen möchte, digitale Inhalte “nationaler” zu machen wäre Cloudstrukturen, wie sie momentan ausschließlich in den USA existieren, auch in Europa aufzubauen. Einen solchen Vorstoß gibt es vom BSI und dem Fraunhofer. Wenn man weiß, dass zumindest seine Clouddaten dem europäischen Datenschutz unterstehen, wäre das vielleicht ein Schrittchen in die richtige Richtung. Mehr als einen Ansatz sehe ich darin allerdings nicht, denn der Großteil der Daten, die NSA & Co laut Snowden jetzt schon ausspähen unterliegen auch dem deutschem Datenschutz. Und was hat uns das bisher genützt? Nix (naja, interessiert ja auch keinen der Mist).

Der Schlüsselmeister

“Bist du der Schlüsselmeister?”

Positiver stimmt da zumindest, dass der DE-CIX (grob gesagt ist das der größte Internetverkehrsknoten der Welt in Frankfurt) anders als unsere Regierung im NSA Skandal keine Machbarkeitsstudie sieht, sondern die massenhafte und anlasslose Überwachung für verfassungswidrig hält. Würde mal jemand auf diese Leute hören, für die das Internet eben kein Neuland ist, hätten wir den ganzen Schlamassel nicht.
Was bleibt uns an wirklichen, ernsthaften Alternativen? Vermutlich nur wirklich das komplette Internet zu verschlüsseln. Das kann kein deutscher Vorstoß sein, das muss ein weltweiter sein. Die Arbeitsgruppen, die sich über die Weiterentwicklung der Protokolle, die das Internet bilden berät, sieht das anscheinend auch so. Auf der einen Seite Schade, dass es so weit kommen musste, auf der anderen Seite hat uns Snowden eventuell noch vor Schlimmeren Dingen bewahrt.

TL;DR

Ein nationales Internet beraubt den Dienst seiner fundamentalen Erfolgskriterien. In der Praxis ist ein nationales Netz ohne Alternativen zu den meist genutzten ausländischen Anbietern ein massiver Rückschritt auf allen Gebieten und würde das Internet de facto sowohl für Privatpersonen als auch die Wirtschaft unbrauchbar machen. Sinnvolle Maßnahmen gegen massenhafte anlasslose Totalüberwachung müssen auf anderer Ebene gesucht werden.

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Freddie Mercury – Living on my own
1985, Musikvideo

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