Somebody’s watching me – Warum PRISM Humbug ist

Nun haben wir es schriftlich: das einzige, was aus den Science Fiction Romanen unserer Kindheit Wirklichkeit geworden ist, ist die dystopische Regierung (und ich hatte so auf Hoverboards gehofft). Durch Bekanntgabe des PRISM-Projektes dringen immer mehr Einzelheiten ans Licht, was unsere netten Nachbarn aus den USA alles für Daten abgreifen ohne die geringste Spur unseres Einverständnisses. Fernab der Tatsache, dass man sich verarscht vorkommt, ist das meiner Meinung nach auch totaler Schwachsinn.

prism

Unter einem Prisma wird in der Optik ein Bauelement verstanden, das z.B. zur Aufspaltung eines Lichtstrahls in seine Farben eingesetzt wird. Das Geheimprojekt will ähnliches mit Internetdaten machen.

Was ist PRISM

PRISM ist ein seit dem Jahr 2007 existierendes, als streng geheim eingestuftes und von der US-amerikanischen National Security Agency (NSA) geführtes Programm zur Überwachung und Auswertung von elektronischen Medien und elektronisch gespeicherten Daten. PRISM soll eine umfassende Überwachung von Personen innerhalb und außerhalb der USA ermöglichen, die digital kommunizieren. Oder anders: die lesen deine E-Mails, lauschen deinen Skype-Telefonaten, schauen sich deine privaten YouTube-Videos an und vervollständigen dein Profil mit Bewegungsdaten und Angaben von sozialen Netzwerken.Zugehörig zu dem Programm sind Microsoft, Google, Facebook, Yahoo, Apple, AOL und Paltalk. Oder anders: alles, was Rang und Namen hat.
Nirgendwo ist wirklich fest geschrieben, was denn genau zu einer Datenauswertung führt. Reicht ein Verdacht? Oder die falsche Nationalität? Ein doofer Nachname? Wenn das keine Willkür nach 1984-Art ist, dann weiß ich auch nicht mehr.

Warum ist das doof?

Was Orwell damals erdachte war im Prinzip harmlos gegen das, was heute Realität ist. Denn der Siegszug des Cloud-Computing und die enorme Verbreitung von Smartphones verbunden mit den unglaublichen Nutzerzahlen von sozialen Netzwerken, der Ablösung klassischer Post durch E-Mail und der regelmäßgen Nutzung von Videochats führt dazu, dass nichts digitales mehr geheim ist. Konnte man bisher noch denken “Google kennt schon meine Termine und Mails, meine Freund bleiben bei Facebook”, so wissen wir jetzt: alles egal. Die Genauigkeit der Profile, die sich mit den erhobenen Daten der zuvor genannten Konzerne anfertigen lassen sind unvorstellbar. Chrome weiß, wo ihr surft, Google was ihr sucht, Facebook was ihr mögt, Skype was ihr redet, GMail was ihr schreibt, Android wo ihr seid. Werfe ich alle diese Infos zusammen, entsteht ein Profil, was teilweise sogar mehr über euch weiß, als ihr selbst. Wenn man mit Twitter Börsenkurse und Seuchen vorher sagen kann, wie lange dauert es, um eine Straftat vorauszusehen (sehe ich da gerade Tom Cruise mit seinen Händen in der Luft fuchteln, der jemanden fest nimmt, bevor er das Verbrechen begeht?).

Wo wohnen sie

“Freunde” – ja ne is klar

Der Tor, der ihm folgt.

Obi-Wan Kenobi

“Wer ist der größere Tor? Der Tor oder der Tor, der ihm folgt?” – Obi-Wan Kenobi

Statt sich unsere gewählten Volksvertreter in Deutschland aber nun hinstellen und entrüstet um Aufklärung bitten, oder konsequent wie unsere schwedischen Nachbarn sagen “Schauze voll, weg mit Google“, verteidigen sie den Bruch von einem halben dutzend Gesetzen noch. Ja sie wollen sogar den USA nacheifern. Geht’s noch? Lebt unsere Regierung in einer Parallelwelt oder was ist da los? Wer wählt solche Leute? Mangelt es uns an technologischem Verständnis, oder sind wir die #Generation #Gleichgültig geworden?
Die offizielle Begründung für die weltweite Rasterfahndung wird immer schön mit dem Kampf gegen den Terror angegeben. Da stelle ich doch mal ketzerisch die folgenden Fragen:

1) Welcher Terrorist ist so dämlich und plant ein Attentat auf Facebook oder trägt es in seinen Google Calendar ein?

2) Wie viele Terroristen konnten aufgrund dieser Überwachungsmaschinerie an Straftaten gehindert werden?

3) Hatte Osama bin Laden eigentlich ein iPhone?

Hier ist ein logischer Bruch in der Argumentationskette. Es ist schlichtweg naiv anzunehmen, dass Terrorakte verhindert werden können, weil ich die Kalenderdaten von vielen Europäern habe. “Kampf gegen Terror” heiligt anscheinend sämtliche Mittel und ist wichtiger als Datenschutz und Privatssphäre. Dabei klingt PRISM als Waffe gegen sowas wie erwähnt total unbrauchbar. Doch selbst wenn es brauchbar wäre:

In welchem Buch steht denn geschrieben, dass man sich zwischen Freiheit und Datenschutz entscheiden muss?

Diejenigen, die mit PRISM vollständig transparent werden sind du und ich, aber nicht der Kollege um die Ecke mit dem Sprengstoffgürtel. Man kann erkennen, ob ich auf roothaarige stehe, ob du Gangsterrap hörst, wie oft du in die Kirche gehst und was ich meinem Dad per Mail schreibe. Aber der Zeitpunkt, wo der Ganove hinter der Ecke zu seinen 72 Jungfrauen will, der steht da nicht.

Quis custodiet ipsos custodes?

Screens

Wer überwacht die Wächter?

Wer immer noch nicht überzeugt ist, dem sei in Erinnerung gerufen, warum wir in Deutschland diese lustigen GEZ-Gebühren (‘Rundfunkbeitrag‘ neudeutsch) haben. Um die 30er und 40er Jahre des vorigen Jahrtausends waren die Medien in Deutschland gleichgeschaltet. Der Mann mit dem Schnauzbart (der, nicht der) hatte erkannt, das ein wichtiges Mittel zur Macht die Kontrolle über die Meinungen des Volkes waren und folglich alle Medien unter seine Kontrolle gebracht. Das öffentliche Meinungsbild wurde vorgeschrieben. Nach Ende des zweiten Weltkriegs wollten die Alliierten, dass so etwas nicht nochmal passieren kann, also forderten sie, dass es öffentlich-rechtliche Medienanstalten geben solle, die unabhängig und überparteilich sind. Um eine Finanzierung dieses Konstrukts zu gewährleisten und um jeden Bürger die Chance zu geben, seine Meinung in den Medien ausdrücken zu können, wurde der Moloch erschaffen, den wir heute alle doof finden. Also grundsätzlich waren die Motive richtig, nur die Umsetzung ist fragwürdig.

Sprung zurück in die Gegenwart. Das Internet ist allgegenwärtig. Da es sich um ein von Natur aus dezentrales Netzwerk handelt, es also aus vielen voneinander unabhängigen Geräten rund um den Globus besteht, gibt es keine “Internetwächter” oder eine “Internetregierung” oder “Internetbehörde”. Dachten wir zumindest bis PRISM kam. Jetzt gibt es plötzlich doch diese Wächter. Dabei darf die Frage gestellt werden: who watches the watchmen? Welche Authorität kontrolliert diese Wächter? Wer entscheidet, was für Daten ausgewertet werden und auf welche Accounts zugegriffen wird? Wer bestimmt die Schlüsselwörter bei den Suchen? Wer entscheidet ob ein Satz in einer Mail ironisch oder todernst gemeint ist?

Was kann man tun

Kündige ich meinen Google Account? Nutze ich Firefox statt Chrome? Plane ich meine Termine wieder auf Papier? Schreibe ich Briefe statt Mails? Scheiß ich jetzt präventiv auf das gesamte Internet, weil mir die Hirnis den Spaß daran nehmen wollen? Nein, niemand (ok, fast niemand) will zurück in die Zeit ohne Internet. Das Internet, Computer, Smartphones, soziale Netzwerke und technologie Errungenschaften an sich sind nicht böse. Im Gegenteil, es sind Werkzeuge, die erst in den Händen ihrer Benutzer zu etwas Guten oder etwas Schlechten beitragen. Der Arabische Frühling hätte ohne Twitter nicht so statt finden können. Das Internet bietet Wissen in Hülle und Fülle. Nie zuvor in der Menschheitsgeschichte war es so vielen Menschen nahezu unabhängig ihres Ortes und Standes möglich, so viele Informationen in so kurzer Zeit zu erlangen. Regierungen und Megakonzerne scheinen das jetzt langsam zu erkennen und versuchen “Herr des Netzes” zu werden, es zu kontrollieren, es zu reglementieren. Fernab der Frage, warum man etwas reglementieren soll, was bereits seit Jahrzehnten funktioniert, bleibt es aber dabei, dass das Internet ein dezentrales Netz ist. Ich kann nicht ohne weiteres einen Stecker ziehen oder etwas löschen. Das Internet ist (noch?) nicht durch wenige beeinflussbar. Und solange es Alternativen zu Google, Facebook, Apple und Co gibt und Menschen diese Alternativen nutzen, ist die Überwachung durch PRISM sinnlos!
Statt also irgendwelche Petitionen zu unterschrieben oder in eurem Katzenfreundeforum über Google zu schimpfen, solltet ihr lieber dafür sorgen, dass diejenigen, die gar nicht wissen, was PRISM ist oder warum PRISM gefährlich ist, verstehen, warum sie sich Gedanken machen sollten. Es wird immer viel über eine “Internetgemeinde” geschrieben, die sich aufregt. Diejenigen aber, die eine Stimme haben, die zählt, nämlich die breite Masse an mündigen Bürgern, besteht auch aus unseren Müttern und Vätern, unseren Omas und Opas und unserem kleinen Bruder, der ein iPhone hatte bevor er Haare am Sack bekam. Das sind diejenigen, die erstmal wissen müssen, warum PRISM Humbug ist. Das ist der Ansatzpunkt um die schwachsinnige und kurzsichtige Technologiepolitik endlich mal zu beenden.

TL;DR

Sämtliche digitalen Daten zu durchsuchen, ohne einen konkreten Verdacht zu haben ist falsch. Es darf ebenfalls nicht sein, dass Organisationen dies tun, die wir nie legitimiert haben und die keiner Kontrolle unterstehen. Um das zu verhindern, müssen aber erstmal alle von dem Problem wissen und es verstehen.

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Rockwell – Somebody’s watching me
1984, Video

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